Nein, ich werde in diesem Artikel nicht den Standardsatz aufgreifen mit „Chile ist landschaftlich so toll, weil es in seiner Natur unglaubliche Gegensätze bietet und bla bla bla…“. Nee, Pustekuchen. Das hast du sicher schon oft genug gehört bzw. gelesen.

Klar ist Chile landschaftlich betrachtet wunderschön, das sehe ich ganz genauso. Aber ich glaube, das ist eher die Version die jene Menschen interessiert, die sich für zwei, drei Wochen mit einer Gruppenreise nach Chile bewegen oder sogar nur ein paar Tage in Chile verbringen und danach weiter nach Peru, Brasilien usw. „hoppen“. Und es ist nur einer der Gründe, nach Chile zu reisen – ich vermute, du als Längerreisende, die zum ersten Mal außerhalb Europas reist, brauchst noch ein bisschen mehr Ansporn, um dich vollends zu entscheiden dorthin zu reisen…

Du merkst, ich möchte nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern sehr viel tiefer gehen. Vielleicht haderst du noch ein bisschen mit dir und denkst:

Soll ich wirklich nach Chile reisen?

In ein Land, das in Südamerika von Deutschland aus gesehen am weitesten entfernt liegt? Wo ich fast Angst haben muss, vom Globus zu fallen, weil es so schmal ist… Soll ich da echt hin? Und dann auch so oft umsteigen und die lange Reise und überhaupt… Tut es nicht auch Spanien? Bequem innerhalb Europas?

Ok, stop.

Ich werde dir nun ein paar unschlagbare Gründe liefern, nach Chile zu reisen.

Damit dein Gedankenkarussell aufhört sich zu drehen und du stattdessen beschwingt weiter Pläne schmiedest für deine Reise durch Chile und dort eine unvergleichbare Zeit erlebst… Also: Abgesehen davon, dass die Natur Chiles richtig, richtig atemberaubend ist, gibt es noch mehr Gründe für eine Reise in das ferne Andenland…

Zum einen ist Chile quasi die Version von „Südamerika light“, da du als Erstes-Mal-nach-Südamerika-Reisende einen sehr viel leichteren Kulturschock erleben wirst als beispielsweise in Bolivien oder Ecuador. Dadurch, dass Chile als wirtschaftlich stärkstes Land des Kontinents gilt, ist der Lebensstandard höher als in anderen südamerikanischen Ländern. Und nicht zu vergessen, nach Chile sind in den 1920/1930er-Jahren viele Deutsche ausgewandert, die in Chile einen Hauch von Deutschland hinterlassen haben.

Du wirst dich also zu Beginn in Chile wie in Europa fühlen (erst nach und nach treten die Unterschiede hervor…).

Das mag unter anderem an einigen modernen Gebäuden liegen – vor allem in Santiago de Chile – aber auch daran, dass Chilenen eine Vorliebe für große Einkaufsmalls haben. Außerdem ist die kulturelle Auswirkung durch Indigene, also Ureinwohner, sehr viel geringer als zum Beispiel in Peru oder Bolivien, weil es in Chile einfach prozentual gesehen sehr viel weniger Ureinwohner gibt. Dennoch vermischen sich direkt vor deinen Augen die europäisch angehauchten Chilenen mit den Traditionen der Mapuche, und das ist definitiv einmalig. Du bekommst in Chile also einen sanften Einstieg in einen unbekannten Kontinent, der dir gleichzeitig doch eine ganz andere Kultur bietet.

Na, schon die ersten Zweifel ausgemerzt? Nein? Ok, weiter geht’s…

Zum anderen ist der Tourismus an den Hotspots ist recht gut organisiert. Du bekommst leicht ein freies Zimmer und an den größten touristischen Plätzen kommst du sogar einigermaßen mit Englisch durch. Die Touren haben ausladende Routen zu den schönsten Plätzen und oft gibt es die Touren sogar auf Englisch, auch wenn du dich darauf einstellen solltest, dass das Englisch nicht druckreif ist. (Spanisch zu sprechen, ist also auf jeden Fall hilfreich…, das nur am Rande.) Abseits der zwei, drei großen touristischen Orte ist Chile vom Massentourismus auch noch verschont geblieben.

 

Du findest also zum Beispiel nahezu unberührte Nationalparks wie den Conguillío oder Nahuelbuta in Zentralchile.

Der Grund dafür ist sicherlich, dass in solche Nationalparks „ab vom Schuss“ nicht immer Busse fahren, sondern du selbst ein Auto brauchst um hin zu kommen und auch aktiv keine Touristen für die Parks angeworben werden – aber dafür hast du dann eine tolle Zeit in spektakulärer Natur. Und vermutlich machen viele Chile-Reisende einfach die Standard-Dinge wie Osterinsel, Atacama-Wüste, Torres del Paine-Nationalpark, um dann zum Titicacasee, Zuckerhut oder sonst wohin abzudampfen – aber umso besser für dich! Du wirst Erinnerungen an Orte haben, die kaum jemand sonst kennt und nicht sofort mit Chile in Verbindung bringt – schneebedeckte Vulkane die du sogar besteigen kannst, ungewöhnliche Bäume – sogenannte Araukarien –, dunkelblau glitzernde Seen und viele mehr…

Ja, ich hab gesagt, das wird kein Standard-Artikel mit „Chiles landschaftliche Gegensätze bli bla blub“. Ist es bisher ja auch nicht.

Ein bisschen möchte ich aber doch noch näher auf die Natur eingehen, aber weiterhin auf eine andere Art…

Wenn du als Großstadtpflanze gerne mal wilde Einsamkeit und weite unbewohnte Landstriche kennenlernen möchtest, dann bist du im schönen Andenstaat Chile bestens aufgehoben. In Europa gibt es diese unendliche Weite einfach nicht. Im Süden Chiles, beispielsweise in der Region um Puerto Montt, aber auch alles was danach noch an Süden so kommt, findest du in weiten Teilen kilometerlang keine Menschenseele, kein Haus, keine Straße, keinerlei Zivilisation – lediglich unberührte Landschaften mit glasklaren Flüssen und grün-schillernden Urwäldern für komplettes Abschalten, zum Beispiel auf einer Wanderung.

So eine gottverlassene, wunderschöne Einsamkeit kann dir definitiv nicht jedes Land bieten.

Gerade in der Region um Puerto Montt gibt es auch die Möglichkeit, an geführten Wanderungen im kleinen Kreise teilzunehmen – und ich kann dir aus eigener Erfahrung versprechen, du triffst nicht alle paar Kilometer eine andere Wandergruppe, sondern erst nach vier, fünf Tagen das erste Mal wieder.

Ein weiteres schlagendes Argument für Chile ist die Sicherheit. Chile gilt als sicherstes Land Südamerikas. Das kann ich definitiv so unterschreiben. In Chile bin ich sogar, obwohl ich ein kleiner Angsthase bin, auch nachts noch alleine draußen rumgelaufen (jetzt nicht in komischen Gegenden und auch nicht zum Spaß, sondern einfach um von A nach B zu kommen – auf gut Deutsch: Von Zuhause in eine Bar oder einen Club).

Ich habe mich dabei so sicher gefühlt wie in Deutschland und ich habe nie eine bedrohliche Situation erfahren.

Na wenn das kein Grund ist, deine Zweifel über die Anden zu werfen (haha, kleiner Scherz am Rande) und ein schönes Land fernab deines gewohnten Horizontes kennenzulernen, dann weiß ich auch nicht…

Auch wichtig: Verstehst du das chilenische Spanisch einigermaßen, dann werden dir alle anderen spanischen Dialekte vorkommen wie ein lauer Sommerabend mit einem guten Cocktail. Im Klartext: Alle anderen Dialekte verstehst du spielend leicht. Ohne große Anstrengung. Am Anfang ist es kein Zuckerschlecken mit dem chilenischen Spanisch, das geb ich zu, aber alles was danach kommt, wird ein Kinderspiel für dich sein.

Apropos chilenisches Spanisch: Es ist super einfach, mit Chilenen ins Gespräch zu kommen und bei so einer Gelegenheit auch viel aus erster Hand über Chile zu erfahren. Die Einheimischen sind sehr offen und freuen sich über Kontakte zu Reisenden. Meiner Erfahrung nach sind auch die allermeisten Chilenen einfach sehr nette und freundliche Menschen.

Mit Chilenen hast du immer sofort ein Gesprächsthema und langweilst dich nicht.

Die Einheimischen werden dich fragen, wie denn dieses und jenes in Deutschland funktioniert und du erntest Begeisterung dafür, dass du nach Chile gereist bist. Du wirst auch merken, dass der Stresspegel niedriger ist als in Deutschland und gleichzeitig die Lebensfreude höher. Davon wirst du sehr schnell angesteckt und fühlst dich plötzlich beschwingter und entspannter. Ich bin überzeugt davon, das kommt nicht nur davon, dass du auf Reisen nicht so gehetzt bist wie im Alltag, sondern liegt zum größten Teil einfach an der lockeren Art der Chilenen.

 

Auch die Fortbewegung ist in Chile ziemlich easy. Du weißt innerhalb einer Stadt zwar nicht immer, wann die nächste micro (Bus) kommt, da es keine Busfahrpläne gibt, aber wenn du eine Busfahrt von einer Stadt in die andere oder auch durchs halbe Land planst, dann gibt es eine feste Abfahrtszeit, an die sich auch recht deutsch gehalten wird. Soll heißen:

Die Busse sind ziemlich pünktlich und das Reisen dadurch sehr angenehm.

Ich selbst bin sehr viel Bus gefahren in den insgesamt 10 Monaten die ich in Chile verbracht habe, und es ist mir nur ein einziges Mal passiert, dass der Bus tatsächlich Verspätung hatte. Der Straßenzustand ist recht gut, die Straßen sind nahezu überall geteert und es gibt auch Deutschland-ähnliche Autobahnen. Also recht bequem. In den Bussen kannst du auch – neben stinknormalen Sitzen – ein sogenanntes „cama“ (Bett) oder „semi-cama“ (Halb-Bett) buchen. Insbesondere für eine Busfahrt über Nacht bietet sich das cama bzw. semi-cama an. Das bedeutet, du kannst deinen Sitz nach hinten lehnen, sodass du in der cama-Version flach liegst wie in einem Bett, und in der semi-cama-Version eben „halb“ liegst. Außerdem sind die cama und semi cama-Plätze auch breiter als die normalen Plätze. Sie sind zwar etwas teurer als die normalen Sitzplätze, aber es lohnt sich am Schalter nach den Verfügbarkeiten zu fragen. Das alles macht das Reisen für dich doch sehr entspannt, oder?



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