Ich weiß noch ganz genau, wie ich das erste Mal mit dem chilenischen Spanisch in Berührung kam… Vor meinem inneren Auge versetze ich mich in diese Zeit zurück. Es ist wieder Mitte Juli 2013 und ich treffe zum ersten Mal auf meine zwei neuen Chefs für die nächsten 6 Monate. Ich beginne ein Praktikum an der Rezeption in einem Hotel in Concepción. Alena, die mir das Praktikum vermittelt hat, begleitet mich zum Kennenlerngespräch. Ich bin so nervös, dass ich ein flaues Gefühl im Magen habe und befürchte, mein Frühstück nimmt den falschen Weg… Und ich hoffe, dass ich verstehen werde was gleich besprochen wird.

Aussicht auf die Stadt Concepción

Aussicht auf die Stadt Concepción

Rate mal, was passiert?

Genau. So ungefähr jedes fünfte Wort verstehe ich. Nicht mehr. Ganz ohne Witz.

Mega schnell wird da gesprochen, ein Wunder, dass die nicht über ihre eigenen Worte stolpern, ein Haufen Wörter wird verwendet die ich in meinen fünf Jahren Spanischunterricht nicht ein einziges Mal gehört habe und die ich mir auch absolut nicht herleiten kann. Alena führt die meiste Zeit das Gespräch, sodass mein Nicht-Verstehen zum Glück nicht weiter auffällt. Dennoch fühle ich mich total entmutigt und unfähig. Wie soll ich da jemals durchsteigen?

Warum ist es also so schwierig und verwirrend, das chilenische Spanisch zu verstehen?

Chilenen sprechen rasend schnell. So schnell, dass du glaubst, sie haben 10 Sätze zu Ende gesprochen bevor sie überhaupt den ersten Satz auch nur gedacht haben. Doch ich kann dich beruhigen: Daran gewöhnst du dich schnell. Versprochen.

Was hat es denn mit den Wörtern auf sich, die sich für mich neben der Schnelligkeit so fremd anhörten? Chilenen haben sehr viele Wörter, die nur dort auftreten, sogar ganze Redewendungen. Um diese Wörter und Redewendungen zu lernen und dir zu merken, brauchst du etwas Übung. In den chilenischen Redewendungen hält fast immer die Tierwelt als Vergleich her, das sind sogenannte Tiermetaphern. Hier ein paar Beispiele, die du öfter hören wirst:

Cabro/-a = wörtlich Ziege, steht in Chile für junger Mann/junge Frau

Gallo/-a = wörtlich Hahn, in Chile (erwachsene/r) Mann/Frau

Ladilla = wörtlich Filzlaus, in Chile Nervensäge

La vaca flaca = wörtlich die schlanke Kuh, meint in Chile eine niedrige Belegung, z.B. in Hotels.

Sapear = leitet sich von sapo (= Frosch) ab, bedeutet in Chile spionieren, herumschnüffeln (aufgrund der großen Augen des Frosches)

Lo pasó caballo = wörtlich er/sie verbrachte es wie ein Pferd; entspricht etwa dem deutschen „die Sau rauslassen“

Willst du einen weiteren Grund wissen, warum ich so wenig im Gespräch zwischen den beiden Chefs und Alena verstanden habe?

Chilenen lassen auch gerne das d in der Mitte und das s am Ende eines Wortes weg. So wird das kleine Wörtchen „más“ schnell zu „má“. „Pescado“ (= Fisch) wird zu pescao. Aber auch das s in der Mitte wird nicht klar betont, sodass pescao eher klingt wie pecao. Sei nicht zu ungeduldig mit dir selbst, wenn du am Anfang nicht alles auf Anhieb verstehst. Es dauert, bis du dich reingehört hast in solche Feinheiten. Die Chilenen wiederholen gerne für dich nochmal was sie gesagt haben, sie sind da sehr geduldig.

Als ich dann im Hotel angefangen habe, ist mir ganz stark die Verniedlichungsformen aufgefallen, die Chilenen beinah in jeden Satz mit „-ito/-ita“ einfließen lassen. Was ich damit meine? Ein paar Beispiele: Lisa wird schnell zu Lisita, ein libro wird zum librito und die abulea zur abuelita. Du kannst dir -ito/-ita am besten mit dem deutschen „-lein“ oder „-chen“ übersetzen. Das librito wäre also ein Büchlein, Lisita wäre Lischen, abuelita das Omalein (auch wenn wir das wohl eher nicht so sagen würden).

Du merkst schon:

Chilenen benutzen die Verniedlichung nicht nur in Wörtern, die du auch im Deutschen verniedlichen kannst, sondern auch bei Adjektiven wie chico (= klein), das zu chiquito, manchmal sogar zu chiquitito wird.

Was mich auch immer wieder irritiert hat: Dieses „Cómo estai?“ – Das leitet sich von „Cómo estás?“, also „wie geht es dir?“, ab. Anstatt des –as am Ende von estás, verwenden Chilenen die Form –ai. Estás wird dabei auch oft zu „tai“, weil Chilenen ja, wie du gesehen hast, das s nicht unbedingt betonen.

 

Ich geb‘s zu: Das chilenische Spanisch zu verstehen, ist nicht immer easy-going. Mit diesen Grundregeln im Hinterkopf wird dir der Einstieg aber ganz sicher um einiges leichter fallen!

Also mach es wie der Seehund und steck den Kopf nicht in den Sand! Smiley

Schreib mir gerne in die Kommentare, ob du noch mehr typische Redewendungen lesen möchtest!

 

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